Kunstbegriff
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Im Kunstbegriff einer Kultur oder Epoche drückt sich aus, was an Artefakten oder Handlungsweisen allgemein der Welt der Kunst, zumeist der Bildenden Kunst, zugehörig gehalten wird. Da sich die Wahrnehmung der Welt je nach Kulturkreis unterscheidet und dazu in stetem Wandel begriffen ist, ändert sich auch der Kunstbegriff im Laufe der Geschichte ständig und passt sich neuen gesellschaftlichen, technischen und geistesgeschichtlichen Gegebenheiten an.
Neben einer nachträglichen Erforschung des Kunstbegriffs einer Epoche oder Kultur durch die Kunstgeschichte bzw. Kunstwissenschaft gibt es bereits seit der Antike eine jeweils zeitgenössische Kunstliteratur, die mit einer spezifischen Kunsttheorie den Kunstbegriff ihrer Zeit zu fassen versucht.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Aktueller Diskurs
Zentrale Fragen zur Bestimmung des aktuellen Kunstbegriffs lauten:
- Was ist ein Kunstwerk?
Nach Ludwig Wittgenstein und dessen Familienähnlichkeitstheorie kann man ein Kunstwerk identifizieren, indem man wesentliche einzelne Merkmale eines Werkes auch an anderen (älteren/unstrittigeren) Kunstwerken feststellt, die somit als Menge aller Kunstwerke ein Netzwerk von Ähnlichkeiten bilden, ohne dass notwendigerweise alle gemeinsam ein bestimmtes Merkmal aufweisen würden. Heute unterliegt der Kunstkritik, dem Kunstmarkt und den Künstlern selbst die Deutungshoheit darüber, was Kunst ist und was nicht.
- Was ist ein Bild?
Im Rahmen des sog. Iconic Turn bekommen bildliche Darstellung und Bildwissenschaften neue Aktualität. So wird der Kunstbegriff in einer umfassenden Bildwissenschaft diskutiert. Nach Daniel Spanke ist das Bild eine Grundkonstante menschlicher Kultur, die jedoch in verschiedenen historischen, sozialen und ideelen Kontexten zu unterschiedlichen Verständnissen von Bildern (Paradigmen) führt, so etwa dem der „Ikone“ oder eben dem der „Kunst“ und des „Kunstwerks“. Dieses Bildparadigma „Kunst“ lässt sich mit einem Kriterienkatalog beschreiben. So ist für das „Kunstwerk“ im Gegensatz etwa zur „Ikone“ die Bindung des Bildes an einen Künstler und dessen Lebensgeschichte wesentlich oder das Beobachten der Jeweiligkeit der Ausführung. „Kunst“ ist danach keine ontologische Eigenschaft von Objekten, sondern eine Art und Weise des Verstehens und auf ein solches Verständnis hinarbeitenden Bildermachens.
- Was ist Kunst?
Aus der Annahme heraus, dass „Versuche, die Frage ‚Was ist Kunst?’ zu beantworten, meist mit Enttäuschung und Verwirrung enden,“ untersucht Nelson Goodman im vierten Kapitel seines Buches „Weisen der Welterzeugung“ die „Rolle des Symbolischen in der Kunst“. Im Hinblick auf den Kunststatus des „gefundenen Objektes“ (objet trouvé) und der Konzeptkunst befragt er die Verhältnismäßigkeiten zwischen Kunstwerken und Symbolen und formuliert die Frage „Wann ist Kunst?“.
[Bearbeiten] Erweiterter Kunstbegriff
Seit Entstehung der Avantgarde in der Moderne arbeitet die zeitgenössische Kunst am Projekt der Erweiterung des Kunstbegriffs. Man wendete sich gegen ein als altmodisch empfundenes Kunstverständnis, das der Kunst die Aufgabe zuweist, "schöne", also vor allem handwerklich gelungene, oder effekthascherische, gefällige, illusionäre und leicht konsumierbare Produkte zum Zweck der Verzierung des Alltags zu erzeugen.
Schon Neuerungen innerhalb der Malerei (wie etwa der Impressionismus) führten anfangs zu Skandalen und stießen auf heftige Ablehnung. Später gibt es in Kunstrichtungen wie dem Kubismus dann radikalere Tendenzen, etwa die Malerei als Collage durch Materialien aus dem Alltag zu erweitern, die Bilder aus dem Bilderrahmen und dem Rahmen der herkömmlichen Konventionen treten zu lassen. Der Dadaist Hugo Kersten 1914: „Das oberste und letzte Kunstgesetz ist: jedes zu brechen!”. Zentral für das Verständnis eines erweiterten Kunstbegriffs im 20. Jahrhundert sind u.a. die Werke und Ideen des Künstlers Marcel Duchamp (Ready-mades).
Ein erweiterter Kunstbegriff in der neueren und zeitgenössischen Kunst zielt darauf ab, auf vielen Feldern tätig zu werden, die im allgemeinen Kunstverständnis der Kunst noch nicht oder nicht mehr zugerechnet werden. Der Begriff wurde vor allem durch Joseph Beuys' Verwendung und seiner Formulierung der sozialen Plastik populär. Dabei können reine Ideen ebenso zu Kunst werden (wie in der Konzeptkunst) wie technisch auch bewusst Unperfektes oder Kunsthandwerkliches, oder ganz gewöhnliche, bereits fertige Gegenstände und Materialien aus dem Alltag (vgl. Duchamp, Beuys). Große Bedeutung hat dann der Kontext, in dem diese genutzt werden. Ebenso werden politisches Handeln und soziologische Forschung als ein Feld für Kunst betrachtet, oder wissenschaftliche Experimente auf künstlerisch-philosophische Inhalte untersucht. Die materiellen und ausstellbaren Werke werden zum "Werkzeug" (Bazon Brock), die eigentliche Kunst findet erst im Kopf des Betrachters statt.
[Bearbeiten] Zitat
- Carl Andre: Fragen und Antworten
- Was ist Kunst?
- A. Kunst ist das, was ein Künstler Kunst nennt
- B. Kunst ist das, was ein Kritiker Kunst nennt
- C. Kunst ist das, was ein Künstler macht
- D. Kunst ist das, was dem Künstler Geld einbringt
- E. Kunst ist nichts von dem, etwas von dem, alles von dem [1] .
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Westkunst. Zeitgenössische Kunst seit 1939. Hrsg. Laszlo Glozer. Köln 1981 S. 279
[Bearbeiten] Siehe auch
- Eine Geschichte des europäischen Kunstbegriffs findet sich im Artikel Kunst.
- Eine ausführliche Behandlung widmet diesem Thema außerdem der Artikel Ästhetik.
- Eine Beschreibung des Kunstbegriffs asiatischer und afrikanischer Kulturen findet sich in den Artikeln asiatische und afrikanische Kunst.
außerdem:
- Portal:Kunst
- Kunstbetrieb - Kunstgeschichte - Kunstfreiheit - Kunsttheorie - Avantgarde - Wahrnehmung - Postmoderne - Formalismus - Hermeneutik
- Soziale Plastik
[Bearbeiten] Literatur
- L. Hieber, S. Moebius und K.-S. Rehberg (Hg.), Kunst im Kulturkampf, Bielefeld: transcript-Verlag 2005
- Roland Bluhm, Reinold Schmücker: Kunst und Kunstbegriff, Mentis-Verlag, 2002
- Arthur C. Danto: Kunst nach dem Ende der Kunst (Beyond the Brillo Box, deutsch). München 1996.
- Joseph Beuys, Matthias Bleyl (Herausgeber): Joseph Beuys. Der erweiterte Kunstbegriff, J. Häusser, Darmstadt 1996
- Clement Greenberg: Die Essenz der Moderne. Ausgewählte Essays und Kritiken. Dresden 1997.
- Stephen Davies, Definitions of Art, Cornell University Press, New York 1991
[Bearbeiten] Weblinks
- http://ddragon.interratec.de/wgkun01.php - Eine Kunsthistorikerin über den Kunstbegriff, und über die Frage, was Kunst ist
- http://demo.sfgb-b.ch/tg/daniel_the50ies/beuys.htm - Zu Beuys und seinem Kunstbegriff
- http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/php/Sprigath/Menetekel.htm#Stelle61 - Die Gefühlswirkung der Kunst - ein Menetekel für die Kunstgeschichtsschreibung
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