Gershom Scholem

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Gershom Scholem (* 5. Dezember 1897 in Berlin; † 21. Februar 1982 in Jerusalem; früher Gerhard Scholem; andere Schreibweise, insbes. im nichtdeutschen Sprachraum: Gershom Sholem) war ein jüdischer Religionshistoriker, der seine Arbeiten in Ivrith, Deutsch und Englisch schrieb. Er hatte einen Lehrstuhl zur Erforschung der jüdischen Mystik an der Hebräischen Universität Jerusalem inne.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Scholem, der 1897 als 4. Sohn von Betty und Arthur Scholem geboren wurde, entstammte einer weitgehend assimilierten jüdischen Familie, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Berlin lebte. Er besuchte 1904-1915 das Luisenstädtische Realgymnasium in Berlin. Seine Entscheidung für den Zionismus, die er als ganz junger Mensch traf, führte zur Entzweiung mit dem Vater, einem Druckereibesitzer.

Seit 1912 war Scholem aktiv in der jüdischen Jugendbewegung, verließ diese jedoch wegen ihrer Haltung zum Ersten Weltkrieg. 1915 begegneten sich Scholem und Walter Benjamin. Sie schlossen eine Freundschaft, die bis zu Benjamins Tod 1940 andauerte.

1917 lernte er in Berlin aktive Zionisten aus Ost-Europa kennen. Im Juni 1917 wurde Scholem zum Militärdienst eingezogen, stellte sich aber erfolgreich geisteskrank und wurde nach drei Monaten entlassen und im Januar 1918 dauerhaft freigestellt. Nachdem er zunächst Mathematik und Philosophie an der Universität Jena studiert hatte, wechselte er zum Philosophiestudium nach München, wo er seine Dissertation über das Buch Bahir, eine kabbalistische Schrift, verfasste. Von Mai 1918 bis März 1922 studierte er orientalische Sprachen und Philosophie an der Universität Bern. 1922 in München promoviert, verließ Scholem Deutschland im September 1923.

Scholems Auswanderung nach Palästina war eine Entscheidung für den politischen Zionismus und zugleich eine solche gegen den Versuch, als Jude in Deutschland zu leben. Bereits in den frühen zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts erkannte Scholem, dass die Assimilation der Juden in Deutschland endgültig misslungen war. Er konnte und wollte als Jude kein Deutscher bleiben. Diese Lehre hatte er aus der Geschichte der Unterdrückung, auch des assimilierten Judentums, im 19. Jahrhunderts gezogen. In Palästina lebte er als gläubiger, nicht orthodoxer Jude. Politisch verstand er sich als Mitglied der Linken.

Von Anfang an war er um eine Verständigung zwischen Juden und Arabern in Palästina bemüht. Von 1925 bis 1933 war er Mitglied von Brith-Shalom, einer gesellschaftlichen Gruppierung, welche die „Wiedergeburt“ des jüdischen Volkes erstrebte und die Verständigungspolitik vertrat. 1931 wurde diese Gruppe offiziell vom Zionistenkongress ausgeschlossen. In Jerusalem arbeitete Scholem zunächst als Bibliothekar. Nach der Eröffnung der Hebräischen Universität im April 1925 lehrte er jüdische Mystik. 1933 wurde für ihn eine Professur geschaffen.

Nach der Gründung des Staates Israel war Scholem ein angesehener Bürger des Staates, Freund seiner ersten Präsidenten und Premierminister, Präsident der israelischen Akademie der Wissenschaften und Ehrenbürger von Jerusalem. Scholems Bruder, der als Angehöriger der sogenannten Fischer-Maslow-Gruppe aus der KPD ausgeschlossene ehemalige KPD-Reichstagsabgeordnete Werner Scholem, wurde 1940 im KZ Buchenwald ermordet.

An seinem Freund Benjamin hat Scholem das metaphysische Ingenium (Geisteskraft) bewundert, von dem er sich einmal die Erneuerung der Metaphysik ‚aus den Quellen des Judentums‘ versprochen hatte – eine Hoffnung, die Benjamin, der sich zum unorthodoxen Marxisten entwickelte, nicht erfüllen konnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Scholem gemeinsam mit Theodor W. Adorno Benjamins Werke veröffentlicht. Scholem selbst hatte sich nicht mehr mit Philosophie beschäftigt, er nahm die Philosophie nicht mehr ganz ernst. Die erst nach seinem Tod veröffentlichten Tagebücher nebst Aufsätzen und Entwürfen zeigen, wie ernst er in den frühen Jahren über logische und erkenntnistheoretische Fragen nachgedacht, wie tief er über die großen metaphysischen Probleme spekuliert hat.

Stattdessen wurde Scholem der eigentliche Wiederentdecker der Kabbala, die weitgehend vergessen war und von der Judaistik missachtet wurde. Scholem begründete die Erforschung der jüdischen Mystik, der er den größten Teil seiner Lebensarbeit widmete. Die Kabbala ist kein philosophisches System, sondern gehört zur Religionsgeschichte, die sich mit Fragestellungen der traditionellen Philosophie überschneidet. So legt etwa die lurianische Schöpfungstheorie, die Scholem häufig behandelte, einen Entwurf des Verlaufs der Geschichte vor: vom Zimzum, der Einschränkung Gottes in sich selbst, über eine „Welt der Verwirrung“, der bloß punktuellen Sefiroth, die in den ‚Hüllen‘ oder ‚Gefäßen‘ sich ordnet, zum „Bruch der Gefäße“ und der endlichen Restitution, dem messianischen Tikkun. Stellt die Vision des Isaak Luria den Geschichtsprozess „als ein gnostisches Drama“ dar, so verspricht der messianische Enthusiasmus „die Verwirklichung des Guten auf unserer Erde“, ja, die „kosmische Erlösung alles Seienden“, wie Scholem 1973 in seinen Betrachtungen zur jüdischen Theologie in dieser Zeit schrieb.

Nach dem Ende des Naziregimes reiste Scholem oft nach Deutschland, zuerst 1946 im Auftrag der Hebräischen Universität, auf der Suche nach den von den Nationalsozialisten geraubten jüdischen Bibliotheken und Sammlungen. Später kam er häufig im Zusammenhang mit der Edition von Benjamins Gesammelten Schriften, auch eigener Arbeiten wegen, für die er neue Quellen in Deutschland erschloss.

Noch 1981 hielt er sich als Gast des Wissenschaftskollegs in Berlin auf. Für Scholem war die Massenvernichtung in Auschwitz und Buchenwald einzigartig und zugleich konsequent aus der deutschen Geschichte hervorgegangen. Der Versuch, die Juden zu vernichten, markiere eine historische Trennlinie, nach der beide Völker nicht weiterleben könnten wie bisher, die Deutschen noch weniger als die Juden. Das „deutsch-jüdische Gespräch“ nannte er einen „Mythos“, weil „mit den Toten kein Gespräch mehr möglich ist“.

„Nur im Eingedenken des Vergangenen [...] kann neue Hoffnung auf Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden, auf Versöhnung der Geschiedenen keimen.“

[Bearbeiten] Werke

  • Das Buch Bahir. Ein Schriftdenkmal aus der Frühzeit der Kabbala auf Grund der kritischen Neuausgabe von Gerhard Scholem. Reihe ‚Quellen und Forschungen zur Geschichte der jüdischen Mystik‘, hrsg. von Robert Eisler, Drugulin-Vlg., Leipzig 1923. Neuausgabe Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1969; 4. Aufl. 1989, ISBN 3-534-05049-5
  • Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-27930-0
  • Ursprung und Anfänge der Kabbala. Verlag de Gruyter, Berlin 1962
  • Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Studien zu Grundbegriffen der Kabbala. Rhein-Vlg., Zürich 1962
  • Zur Kabbala und ihrer Symbolik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-27613-1
  • Sabbatei Zwi. Der mystische Messias, übertr. von Angelika Schweikhart. Jüdischer Vlg., Frankfurt a.M. 1992, ISBN 3-633-54051-2
  • Über einige Grundbegriffe des Judentums. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970
  • The Messianic Idea in Judaism and Other Essays on Jewish Spirituality. Schocken Books, New York 1971
  • Judaica 1–5, Suhrkamp, Frankfurt, Bd. 1: 1968; Bd. 2: 1970; Bd. 3: 1973; Bd. 4, hrsg. von Rolf Tiedemann, 1984; Bd. 5, hrsg., aus dem Hebräischen übers. und mit einen Nachw. von Michael Brocke, 1992.
  • Walter Benjamin – die Geschichte einer Freundschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-518-01467-6
  • Walter Benjamin und sein Engel. 14 Aufsätze und kleine Beiträge, hrsg. von Rolf Tiedemann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-57634-8
  • Literatur und Rhetorik. Literatur, Kultur, Geschlecht. Kleine Reihe Bd. 15 (hrsg. von Stéphane Mosès). Böhlau Verlag, Köln 1999, ISBN 3412045993
  • Von Berlin nach Jerusalem. Jugenderinnerungen, erweiterte Fassung, aus dem Hebräischen von Michael Brocke und Andrea Schatz. Jüdischer Vlg., Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-633-54086-5
  • Tagebücher nebst Aufsätzen und Entwürfen bis 1923, hrsg. von Karlfried Gründer und Friedrich Niewöhner. Jüdischer Vlg., Frankfurt am Main, 1. Halbbd.: 1913–1917, 1995, ISBN 3-633-54091-1; 2. Halbbd.: 1917-1923, 2000, ISBN 3-633-54139-X
  • „Es gibt ein Geheimnis in der Welt.“ Tradition und Säkularisation, hrsg. von Itta Shedletzky. Jüdischer Vlg., Frankfurt a.M. 2002, ISBN 3-633-54183-7
  • Briefe, C.H. Beck, München, Bd. 1: 1914-1947, hrsg. von Itta Shedletzky, 1994; Bd. 2: 1948-1970, hrsg. von Thomas Sparr, 1995; Bd. 3: 1971-1982, hrsg. von Itta Shedletzky, 1999
  • Briefe an Werner Kraft, hrsg. von Werner Kraft, mit einem Nachwort von Jörg Drews. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-518-03097-3
  • Betty Scholem/Gershom Scholem, Mutter und Sohn im Briefwechsel 1917-1946, hrsg. von Itta Shedletzky in Verb. mit Thomas Sparr. C.H. Beck, München 1989, ISBN 3-406-33795-3
  • „... und alles ist Kabbala.“ Gershom Scholem im Gespräch mit Jörg Drews. edition text + kritik, München 1980, ISBN 3-88377-031-0
  • Die Erforschung der Kabbala. Originaltonaufnahmen 1967, hrsg. v. Thomas Knoefel und Klaus Sander. 2-CD-Set. supposé, Köln 2006, ISBN 978-3-932513-66-4

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Weblinks


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