Futurismus

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Der Futurismus war eine aus Italien stammende avantgardistische Kunstbewegung die aufgrund des breitgefächerten Spektrums den Anspruch erhob eine neue Kultur zu begründen. Die Wirkungsmächtigkeit des Futurismus steht in engem Zusammenhang mit dem Wirken seines Gründers Filippo Tommaso Marinetti das von 1909 (1.futuristisches Manifest) bis zu dessen Tod im Jahr 1944 reichte.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Das Gründungsmanifest

Am 20. Februar 1909 publizierte der italienische Jurist und Dichter Filippo Tommaso Marinetti in der französischen Zeitung Le Figaro sein erstes futuristisches Manifest und begründete damit die futuristische Bewegung.

[Bearbeiten] Manifest des Futurismus

  1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
  2. Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
  3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
  4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen... ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.
  5. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.
  6. Der Dichter muß sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren.
  7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.
  8. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte!... Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.
  9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
  10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.
  11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.... [1]

[Bearbeiten] Wertung und Wirkung

Das Manifest wurde trotz der häufigen Verwendung von "Wir" von F.T. Marinetti allein konzipiert und spiegelt die Überzeugungen und die Verfassung eines jungen Millionärssohnes wieder, der mit 17 Jahren auf sich allein gestellt im Paris des Fin du Siécle Erfahrungen sammelt. Geprägt wurde er dabei von seinem literarischen Freundeskreis, zu dem vor allem Symbolisten wie Apollinaire, Huysman und Mallarmé gehörten, die sich, zur Gewalt bekennend, gegen die herrschende bürgerliche Ordnung auflehnten. Mit ihnen stand Marinetti auch den Anarchisten wie Proudhon, Bakunin und vor allem Georges Sorel nicht fern und begrüßte die irrationalen Attentate ihrer Aktivisten. Im Manifest findet man auch Gedankengut von Friedrich Nietzsche. Wie Nitsches Zarathustra streben Marinettis Helden ihre Ziele allein gegen eine feindliche Welt ohne Rücksicht auf ihr Umfeld gewalttätig um. Bemerkenswert ist im Manifest neben der Ablehnung der (christlichen) Moral das Fehlen aller sozialen Bezüge. Dieses Defizit manifestiert sich auch in seiner Abneigung, ja Hass gegenüber Frauen und beruhte wohl auf fehlender mütterlicher Liebe und seinen negativen Erfahrungen mit jenen Prostituierten, mit denen er seine ersten sexuellen Erfahrungen teilte. Auf diesem Erfahrungsspektrum aufbauend fasste er nach vollendetem Jura-Studium den Entschluss nicht in die Fußstapfen seines erfolgreichen Vaters zu treten, sondern eine neue Kulturrichtung ins Leben zu rufen.

Das Manifest war als provokativer Tabubruch konzipiert, der Jugend, Gewalt, Aggresivität, Egoismus, Geschwindigkeit, Krieg und Rücksichtslosigkeit verherrlichte und den als Passatisten bezeichneten etablierten Kulturträgern und deren Anhängern den Kampf ansagte. Die Zerstörung von Bibliotheken, Museen und Akademien als Hort des Passatismus (überlebte Anschauungen) sollte der neuen Kultur den Weg ebnen und Italien eine neue kulturelle Identität verleihen. Dazu Giovanni Lista:[2]

"Die italienischen Künstler waren stets von der Idee gelähmt, nur die Nachkommen eines nunmehr verschwundenen Ruhms zu sein. Gegen diese Zwangsvorstellung von der unerreichbaren Vergangenheit verkündete Marinetti, dass sich eine neue Welt ankündige, und dass Italien jetzt seinen jahrhundertealten Ruhm zu Grabe tragen und vom Gewicht seiner herrlichen... Vergangenheit befreien müsse."

Das Manifest wäre im skandalgewohnten Paris wohl über ein Tagesgespräch nicht hinausgekommen, hätte nicht Marinetti das in Künstlerkreisen geweckte Interesse dazu genützt, einen Kreis junger Künstler um sich zu scharen und zu konzertiertem Schaffen zu bewegen, was er durch Subventionen zu fördern verstand.

[Bearbeiten] Der italienische Futurismus vor dem Ersten Weltkrieg

Die Präsentation des Futurismus

Zum Grundritual des Futurismus gehörten die zahlreichen Manifeste, mit denen sich der Futurismus in seiner Gesamtheit und in seinen Teilbereichen präsentierte.

Was den Futurismus von anderen Kunstrichtungen deutlich unterschied und zu dessen Verbreitung entscheidend beitrug war die Art der Präsentation. Marinettis "Serata futurista" ("Futuristische Abende"), die er ab 1910 vor allem in norditalienischen Theatersälen veranstaltete, sollten primär provozieren.[3] Deshalb begannen solche Abende grundsätzlich mit der verbalen Herabsetzung der jeweiligen Stadt und seiner Bürger. Anschließend wurden Manifeste verlesen, futuristische Kunstwerke gezeigt, futuristische Musik gespielt sowie Ausschnitte aus futuristischer Theaterkunst geboten. Solche Abende waren aus der Sicht Marinettis nur dann erfolgreich, wenn es spätestens zu Ende der Veranstaltung zu einem Tumult mit Einschreiten der Sicherheitskräfte kam und das Medienecho entsprechend groß war.

Künstlerisch einflussreicher und auch wirtschaftlich einträglicher war jene futuristische Wanderausstellung, die am 30. April 1911 in Mailand startete.[4] 1912 ging man mit der Ausstellung ins Ausland, wo sie bis Kriegsbeginn blieb. Die wichtigsten Stationen waren Paris, London (2x), Berlin (2x), Wien, Brüssel, Den Haag, Amsterdam, München, Budapest, Rotterdam, Karlsruhe, Leipzig, Rom und St. Petersburg. In allen diesen Städten war man von der Vielfältigkeit und Eindringlichkeit der Darbietung beeindruckt, besonders stark war die Wirkung auf die lokale Kunstszene.[5]

Malerei im Futurismus

Die Malerei wurde neben der Bildhauerei zur führenden Kunstrichtung im Futurismus, nur sie sollte den Futuristen auch finanzielle Erfolge bringen. Das Manifest der futuristischen Malerei präsentierte Umberto Boccioni als der unbestrittenen Doyen der Gruppe am 11. Februar 1910 in Turin. Unterzeichner waren neben Boccioni Giacomo Balla, Luigi Russolo, Gino Severini und Carlo Carrà.[6] Das Manifest wendete sich an die jungen Künstler des Landes mit einem „Schrei der Auflehnung“ gegen den „fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit“. Gepriesen wurde jede Form von Originalität, eingefordert wurde der Mut zur Verrücktheit sowie die Wiedergabe des täglichen Lebens. Abgelehnt wurden: Der Kult der Vergangenheit, die Besessenheit für das Alte, die Pedanterie, der akademische Formalismus, jede Form der Nachahmung, alle schon abgenutzten Themen und Motive und die Kunstkritiker. Diesem Papier folgte wenige Tage später das Technischen Manifest der futuristischen Malerei mit den Postulierungen von universellem Dynamismus, Aufrichtigkeit und Reinheit bei der Darstellung der Natur sowie der Zerstörung der Stofflichkeit der Körper durch Bewegung und Licht.[7] Klassische Motive wurden abgelehnt, die Aktmalerei wurde im Manifest als ebenso widerwärtig und deprimierend [ist] wie der Ehebruch in der Literatur bezeichnet. Was man anstrebte war nicht das Abbild eines Ereignisses, sondern eine Spiegelung des Seelenzustandes bzw. der Erlebniswelt eines Menschen, der im Bild dargestellt wird oder als Maler ein Ereignis wahrnimmt. Was Boccioni propagierte war allerdings auf der Leinwand noch unerprobt. In der Praxis sollte es sich als schwierig herausstellen, sich vom Kubismus, Pointilismus und den Impressionisten klar genug abzugrenzen. Als letztes Unterscheidungsmerkmal blieb oft nur die Darstellung einer Bewegung.[8] Neben den Unterzeichnern des Manifestes waren in der Malerei auch noch Fortunato Depero, Ottone Rosai, Mario Sironi, Ardengo Soffici, Enrico Prampolini und Filippo Tommaso Marinetti tätig.[9]

Die futuristische Plastik


Im Bereich der Plastik war bis in den Krieg hinein so gut wie ausschließlich das Multitalent Umberto Boccioni tätig. Seine Urformen der Bewegung im Raum gelten heute als Ikonen des Futurismus, ihre Bedeutung spiegelt sich in der Tatsache wieder, dass sie die aktuelle italienische 20-Eurocent-Münze zieren.

Die futuristische Literatur

Im Bereich der futuristischen Literatur waren neben Marinetti auch Giacomo Balla, Francesco Cangiullo, Pasqualino Cangiullo, Mario Carli, Luciano De Nardis, Carlo Carrà und Fortunato Depero tätig.[10] Die literarische Palette reichte vom Gedicht zum Theaterstück, vom Manifest bis zum Roman. Sprachrohr war zunächst die Zeitschrift <Poesia>, die von 1905 bis 1909 erschien. Eine Revolution auf dem Gebiet des geschriebenen Wortes leitet Marinetti 1912 mit dem <Technischen Manifest der futuristischen Literatur> ein, der noch mehrere einschlägige Manifeste folgen sollten. Mit den "befreiten Worten" wurde nicht nur die Syntax außer Kraft gesetzt, auch Buchstaben und Worte präsentierten sich in unterschiedlicher Größe und mit unterschiedlichen Schriften sowie in unterschiedlicher Ausrichtung. Da Druckmaschinen diese Schriftformen nicht darstellen konnten behalf man sich mit der aus der Malerei übernommenen Technik der Collage und Montage. Dabei hoben große Formate und verbindende geschwungene Linien die Grenzen zwischen der Literatur und der bildenden Kunst auf was Einfluss sowohl auf die bildende Kunst, wie auch auf die Literatur und Typographie des 20. Jahrhunderts hatte. Ein kommerziellen Erfolg wurden die Parole in libertà ( = "befreiten Worten") dennoch nicht. Inhaltlich bemühte man sich die Moderne nicht nachahmend naturalistisch, sondern eher überhöht und stilisiert darzustellen und die Dynamik und Gleichzeitigkeit aller Prozesse als Simultaneität zum Ausdruck zu bringen. Diese Inhalte wurden jedoch von der Form so weit in den Hintergrund gedrängt, dass sie lediglich schlagwortartig ins Bewusstsein treten konnten, was eher als Zerschlagung denn als Befreiung gewertet wurde.[11]

Einen wichtigen Teil der futuristischen Literatur stellten die Manifeste dar.

Die futuristische Musik

Die futuristische Musik ist eng mit dem Namen Luigi Russolo verbunden. Zunächst wirkte er als Maler und stellte auch aus. 1913 trat er als Verfasser des Manifestes <L’arte di rumori> auf, in dem er den Ersatz der Musik durch die Geräuschkunst ankündigte. Er baute seine Lärmquellen, sogenannte Intonarumori selbst und bestritt zahlreiche Konzerte. Nach dem Krieg baute er ein Rumorharmonium, in das er mehrere Geräuschquellen integrierte. 1927 wendet er sich als Antifaschist von Italien ab, gab 1929 sein letztes öffentliches Konzert in Paris und wendete sich schließlich wieder der Malerei zu. Er gilt heute als einer der Väter der synthetischen Musik.[12]

Die Architektur im Futurismus

Im Januar 1914 schrieb Enrico Prampolini das erste futuristische Manifest zur Architektur (L'atmosferastruttura. Basi per una architettura futurista).[13] Der wichtigste Vertreter der Architektur war bis in den Krieg hinein allerdings Antonio Sant’Elia. Seine Entwürfe waren eindrucksvoll und originell, sein Kriegstod verhinderte jedoch eine Umsetzung seiner Pläne.[14]

Foto und Film im Futurismus

Diesem Thema widmeten sich vor allem Anton Giulio Bragalia und Enrico Prampolini. Vor allem Bragalia versuchte die auch in der Malerei geforderte Dynamik mittels Mehrfachbelichtungen von Bewegungsabläufen darzustellen. [15]

Mode und Kunstgewerbe im Futurismus

In diesem Bereich war Giacomo Balla und Fortunato Depero tätig. Es wurden neben Stoffmustern auch Anzüge, Mützen und Wandteppiche entworfen. Tatsächlich getragen wurden Krawattenhalter und futuristische Gilets, die Depero entwarf.[16]

Politik und Futurismus

Der letzte Bereich, in die der Futurismus vor dem 1. Weltkrieg nicht nur verbal, sondern tatsächlich eingedrang, war die Politik. Sie brachte Marinetti, der für den raschen Kriegseintritt Italiens plädierte, erstmals in Berührung mit Benito Mussolini. Marinetti trat Mussolinis "Fascio d’Azione Rivoluzionario" bei und organisierte Veranstaltungen, bei denen dann Mussolini als Redner auftrat, der ebenfalls den Krieg und die Befreiung der Irredenti (Unerlösten) vom österreichischen Joch einforderte. Im September 1914 wurden Marinetti, Boccioni und Russolo in Mailand bei einer dieser Veranstaltungen inhaftiert, weil sie österreichische Fahnen verbrannt hatten. Dem kurzen Gefängnisaufenthalt folgt das Manifest <Futuristische Kriegssynthese>, in der die Unterstützung der Futuristen für eine Intervention Italiens im Sinne der Irredenta zum Ausdruck kam.

[Bearbeiten] Futurismus und 1. Weltkrieg

Als Italien gegen den Willen der Kirche und der Sozialisten 1915 in den Krieg eintrat, eilten die Futuristen als Anhänger dieses Krieges, der für sie gemäß dem Gründungsmanifest die „einzige Hygiene der Welt“ darstellte, bereitwillig zu den Fahnen. Das künstlerische Wirken kommt fast zum Erliegen. Der Krieg sollte sich in zweifacher Hinsicht als Zäsur erweisen.

-Schon vor dem Kriegseintritt hatte sich der Zusammenhalt in den Reihen der führenden Futuristen bedenklich gelockert. So löste das Buch Boccionis, das er im April 1914 über die futuristische Malerei und die bildende Kunst im Futurismus veröffentlichte wenig Begeisterung unter seinen Mitstreitern aus. Dieses Werk stellte nicht das Gemeinsame in den Vordergrund, sondern die persönlichen Verdienste des Autors, der sich unumwunden als das größte Talent der Futuristen und als deren bedeutendster Theoretiker präsentierte, was nicht nur zu Unstimmigkeiten mit Marinetti, sondern auch mit dem im Buch kritisierten Carrá führte. Einen weiteren Keil in die Gemeinschaft trieb ein Artikel, der von Mitgliedern der Futuristengruppe Florenz und zwar von Papini, Palazzeschi und Soffici verfasst worden war und am 14. Februar 1915 in der futuristischen Gazette <Lacerba> unter dem Titel „Futurismus and Marinettismus“ erschien. Die Autoren unterschieden hier zwischen den „echten“ Futuristen Carrá, Severini und Tavolato und jenen, die den Grundsätzen untreu geworden waren wie Boccioni, Balla, Pratella, Russolo und auch Marinetti.

Diese Unstimmigkeiten sind teilweise als typische Begleiterscheinungen nach Etablierung revolutionärer Strömungen zu sehen, sie zeigen aber anderseits, dass viele Futuristen mit dem neuen Schwergewicht des Futurismus, der Politik, ihre Probleme hatten. Während Marinetti unter diesem neuen Vorzeichen nach stetiger Erweiterung des Kreises strebte, lehnte Boccioni eine Erweiterung ab und wollte die Kunst und deren Qualität im Vordergrund sehen.

-Die eigentliche Tiefe der Zäsur wurde aber letztendlich von den Kriegsverluste bestimmt. Insgesamt verloren dreizehn Futuristen das Leben, einundvierzig wurden verwundet.[17] Unter den Toten befanden sich neben dem Architekten Sant’Elia auch Boccioni, der 1916 vom Pferd stürzte und bald danach starb.

[Bearbeiten] Der Futurismus zwischen Weltkrieg und Faschismus

Nach dem Krieg stand zunächst der politische Futurismus im Vordergrund. Marinetti hatte noch vor Kriegsende die "Partito Politico Futurista (Futuristische Politische Partei) " gegründet und ihr ein nationalistisches, soziales, antikapitalistisches und antiklerikales Profil gegeben. Diese Partei war nicht als Massenpartei sondern als Sammelbecken für Personen gedacht, die der futuristischen Bewegung nahe standen. Mit Bolzon, Bottai, dem Schriftsteller Mario Carli und dem Bildhauer Ferruccio Vecchi, dem Anführer der regulären militärischen Kommandoeinheiten Arditi rekrutierte man auch Personen, die später in der faschistischen Bewegung Karriere machen sollten. Am 23. Mai 1919 gründete Mussolini die Partito Nazionale Fascista (PNF), die Nationale Faschistische Partei mit dem gleichen Profil wie die Futuristische Partei, die in der PNF aufging. Als man bei den Wahlen im Oktober 1919 gemeinsam lediglich 4000 Stimmen erringen konnte traten erste Spannungen auf. Marinetti wendete sich nach der Niederlage noch schärfer nach links und forderte neben der bolschewistischen Revolution (allerdings ohne Internationalismus) die Verschärfung des Kampfes gegen Monarchie, Kirche und Bürokratie sowie die Abschaffung der Gefängnisse und die Auflösung der Carabinieri. Da Mussolini dieser Weg nach links versperrt war, wo man ihn nach seinem Parteiausschluss wegen Förderung einer italienischen Kriegsteilnahme noch immer als Verräter betrachtete, wendete er sich nach rechts. So sprach er sich beim zweiten Kongress der Fasci im Jahr 1920 für die Einstellung des Kampfes gegen die Monarchie und die Kirche aus, was zum Eklat führte. Neben etlichen Squadristi verließen auch die Futuristen Marinetti, Carli und Vecchi die Bewegung.[18] Die unvereinbaren Ansichten machte Marinetti wenig später in seinem wohl anarchistischten Manifest sichtbar. In "Al di là del communismo" ("Über den Kommunismus hinaus") das er den Futuristen außerhalb Italiens widmete, nahm er Abschied vom politischen Futurismus und würdigte die russische Oktoberrevolution als Vorbild für Italien. Dies brachte ihm zunächst nur bei den Bolschewiki Anerkennung. So wurde er 1921 vom sowjetischen Volkskommissar für das Kulturwesen Lunatcharsky als "einziger revolutionärer Intellektueller" Italiens bezeichnet.[19]

[Bearbeiten] Der italienische Futurismus und der Faschismus

Von 1920 bis 1924 hüllte sich Marinetti in Schweigen, während die ehemaligen Syndikalisten Mino Maccari und Curzio Suckert in der 1920 gegründete futuristische Zeitung <L’impero> das antiklerikale und revolutionäre Programm des ursprünglichen Futurismus weiter entwickelten. Mit dem Sammelband Futurismo e Fascismo, den er seinem "Freund Mussolini" widmete leitete er 1924 die Aussöhnung mit dem Faschismus ein, was ihm den Posten des Kultusminister einbrachte. Die Rolle des Futurismus im Rahmen der Kunst des etablierten Faschismus war aber bereits vorher entschieden worden. Der Futurismus musste sich den Platz an der Sonne mit dem ,passatistischen' Novecento teilen, einer eher klassizistischen Kunstrichtung, die von Mussolini bevorzugt wurde. Der 1929 gegründete Faschistische Verband der schönen Künste sorgte dafüer, dass die Beschickung von Ausstellungen und staatliche Aufträge in der von der obersten Führung gewünschten Stilmischung erfolgte. Dabei kam der Futurismus häufig nur dann zum Tragen, wenn es galt den dynamischen, zukunftsorientierten Charakter des neuen Italien zum Ausdruck zu bringen.[20] Dass der Futurismus um seine Stellung kämpfte ist den zahlreichen Manifesten dieser Zeit zu entnehmen. Sie hatten u.a. die sakrale Kunst, die Luftfahrtarchitektur, die Keramik, die neue Ästhetik des Krieges, die Kriegskameradschaft und die Krawatten zum Thema. Mit dem „Tattilismo“ (Kontaktsuchendes Tasten mit dem Ziel des Aufbaues sozialer Beziehungen) kreierte Marinetti überdies einen neuen Umgang mit dem menschlichen Umfeld. Für Aufsehen sorgte auch Marinettis Manifest der futuristischen Küche (1930), worunter weniger die Kücheneinrichtung, als die Essensgewohnheiten der Italiener betroffen waren. Marinetti machte die Pasta Asciutta für die Provinzialität und geringen Rang im Konzert der Europäer verantwortlich und plädierte dafür, ab sofort Reisgerichten den Vorzug zu geben. Langfristig wäre die Ernährung auf Chemieprodujte umzustellen.

Als bedeutendste Strömung des "2.Futurismus" kann wohl die von D’Annunzio inspirierte und von Mino Somenzi mit einem Manifest geadelte Aeropittura bezeichnet werden, die den Beinamen "Arte Sacra Futurista" erhielt.[21] Mit der in den Weltraum ausgreifenden Luft- und Raumfahrtliteratur und der Aeropoesie fand Marinetti Anknüpfungspunkte an die alten futuristischen Topoi von Dynamik, Fortschritt und Geschwindigkeit die nun mit Patriotismus, Flugheldentum und subtiler Kriegspropaganda den neuen Zeiten angepasst wurden. Die Architektur, die in der ersten futuristischen Phase keine Phase der praktischen Umsetzung erlebte, konnte in dieser zweiten Phase aufgrund der regen öffentlichen Bautätigkeit des Regimes weit besser zur Entfaltung kommen. Obwohl sich die Architekten mit staatlichen Tendenzen auseinanderzusetzen hatte, die einen eher klassizistischen Baustil präferierten, gelang es dennoch zahlreich Bauwerke nach futuristischen Grundsätzen zu errichten, die sich an den Prinzipien von Zweckmäßigkeit und Modernität orientierten und die Möglichkeiten ausschöpften, die die neuen Baumaterialen boten. Unter den öffentlichen Gebäuden, zu denen u.a. die Eisenbahnstationen, Seebäder, Postämter, Kraftwerk, Schulen, Kasernen etc. zählten, sei lediglich der Hauptbahnhof von Trento (Trient) erwähnt, dere von Angiolo Mazzoni entworfen wurde. [22]

Die wichtigsten Vertreter dieses ,zweiten' Futurismus (1924-1945) waren die Multitalente Enrico Prampolini, Giacomo Balla sowie Fortunato Depero (Schauspiel, Malerei, Präsentation), die Maler Gerardo Dottori, Tullio Crali, Ivano Gambini, Giovanni Korompay, Guglielmo Tato, sowie die Architekten Fillia, Paladini, Mazzoni und Sartoris. Ihre wichtigstes Sprachrohr wurde die Zeitung <Noi>, die ab 1924 erschien.

[Bearbeiten] Futurismus außerhalb Italiens

Russland, Sowjetunion

Es war wohl kein Zufall, dass der etwas mehr dem Kubismus nahe stehende russische Futurismus (Cubo-Furturismus)unmittelbar nach der futuristischen Wanderausstellungung Marinettis in St.Petersburg entstand, auch wenn diese Wurzeln von den russischen Künstlern stets geleugnet wurden. Die wichtigsten von ihnen, Velimir Khlebnikov, Aleksey Kruchenykh, Vladimir Mayakovsky, David Burlyuk - zeigten sich aber ebenso von Dynamik, Geschwindigkeit und der Rastlosigkeit des urbanen Lebens fasziniert wie die Italiener, auch sie suchten zu provozieren, auch sie plädierten für eine radikale Abwendung von der hergebrachten Kunst. Im Gegensatz zu Italien war der russische Futurismus aber primär eine literarische Bewegung. Die Bolschewiki förderten zunächst den Futurismus, eine Unterstützung, die unter Stalin allerdings ein abruptes Ende fand und zahlreichen Futuristen den Tod brachte. Unter ihm wurde der Sozialistische Realismus zur offiziellen Kunstrichtung erhoben und sollte es 60 Jahre lang bleiben.

Grossbritannien

Anders als die Russen haben die britischen Vorticisten nie geleugnet, dass sie durch den italienischen Futurimus stark geprägt wurden. Dies kam auch in ihrer Zeitung "Blast" zum Ausdruck, die bis 1915 erschien.[23]

Frankreich

Die geringsten Spuren hinterliess der Futurismus in Frankreich. Die Futuristen wurden in jener Nation, die sich nicht zu Unrecht als führende Kulturnation ihrer Zeit bezeichnete, eher belächelt, die Malerei als Abart des Kubismus in seiner eigenständigen Anmutung reduziert.

Deutschland

In Deutschland griff der Kreis um Herwarth Waldens expressionistisch-avantgardistische Zeitschrift Der Sturm ab 1910 Elemente des Futurismus vor allem in der Literatur auf. So verwendete der Schriftsteller Alfred Döblin die futuristische Technik der Montage und Simultaneität bereits in seinen Erzählungen im Band Die Ermordung einer Butterblume (1913). Diese deutsche Variante des literarischen Futurismus wurde auch unter dem Namen Berliner Futurismus bekannt. Alfred Döblin perfektionierte sie in seinem mehrfach verfilmten Roman Berlin Alexanderplatz (1929). Im Nationalsozialismus wurden alle Erscheinungsformen des Futurismus stigmatisiert bzw. als Entartete Kunsteingestuft.

Japan

Marinettis Vorstellung der Metallisierung des Körpers wird heute noch von vielen japanischen Mangas und Künstlern aufgegriffen, beispielsweise im Film Tetsuo von Shinya Tsukamoto.

Shinya Tsukamoto griff auch weitere Elemente des Futurismus auf, so wie die Darstellung der Faust in Tokyo Fist oder die Verwandlung des Menschen in eine Waffe in Tetsuo 2.

[Bearbeiten] Auswirkungen des Futurismus

Für Italien, dessen Künstler seit Jahrhunderten unter der kulturellen Dominanz der Renaissance und des alten Rom litten, war der Futurismus ein wichtiger Schritt zu kultureller Emanzipation und zu kreativem Selbstvertrauen. Die Tatsache, dass es gelang, den Futurismus auch über den 2. Weltkrieg hinweg lebendig zu halten verschaffte Italien einen nicht zu unterschätzenden Startvorteil beim Anschluss an die internationale Moderne nach 1945. Was nun die Wirkungsmächtigkeit über Italien hinaus betrifft, so ist evident, dass der Futurismus Einfluss auf die Entwicklung von Strömungen der Moderne wie Expressionismus, Dadaismus, Vortizismus, Art Deco, Surrealismus und Konstruktivismus hatte. Der moderne Roman wurde vom Futurismus maßgeblich beeinflusst: Die bahnbrechenden Romane Ulysses (1918) von James Joyce, Manhattan Transfer (1925) von John Dos Passos und Berlin Alexanderplatz (1929) von Alfred Döblin sind (neben dem Stream of Consciousness/Bewusstseinsstrom) auch geprägt von den futuristischen Techniken der Montage und der Simultaneität. Die Sprache wurde durch den Futurismus um den Begriff Avantgarde bereichert. Soweit bekannt, taucht dieser im Zusammenhang mit der Kunst zum ersten Mal im Gründungsmanifest von 1909 auf.

Die Inhalte der meisten Manifeste wurden von der Zeit überrollt, die Ökologiebewegung und die Zerstörung der Natur haben dazu ebenso beigetragen, wie die veränderte Einstellung zum Krieg und zu zügelloser Gewalt. Was an Materiellem geblieben ist, sind lediglich einige originelle und beispielgebende Kunstwerke, vor allem jene Boccionis und solche der "Aeropittura". Unsterblich bleibt hingegen Marinettis Methode Ideen und Kunstwerke multimedial, vor allem jedoch mit Hilfe von Provokation einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

[Bearbeiten] Liste futuristischer Künstler

[Bearbeiten] Weitere Quellen

[Bearbeiten] Literatur

  • Ingo Bartsch /Maurizio Scudiero (Hg.): "...auch wir Maschinen, auch wir mechanisiert!..." Die zweite Phase des italienischen Futurismus 1915-1945 (Bielefeld 2002) ISBN 3-933040-81-7
  • Dietrich Kämper (Hg.): Der musikalische Futurismus (Köln 1999)
  • Maurizio Calvesi: Futurismus (München 1975)
  • Evelyn Benesch/Ingried Brugger: Futurismus. Radikale Avantgarde (Mailand 2003)
  • Caroline Tisdall/Angelo Bozzola: Futurism (London 2000) ISBN 0-500-20159-5
  • Christa Baumgarth: Geschichte des Futurismus(Reinbek bei Hamburg 1966)
  • Evelyn Benesch, Ingried Brugger: Futurismus - Radikale Avantgarde (Mailand 2003) ISBN 88-202-1602-7 (Ausstellungskatalog).
  • Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Futurismus - Geschichte, Ästhetik, Dokumente (Reinbek bei Hamburg 1993) ISBN 3-499-55535-2.

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. Baumgarth, S. 26-27, in:Benesch/Brugger.263-265
  2. Giovanni Lista: Was ist Futurismus ? in: Bartsch/Scudiero.30 ff.
  3. Benesch/Brugger.233
  4. Benesch/Brugger.235
  5. Tisdall/Bozzola.58
  6. Baumgarth, 49 ff.
  7. Baumgarth.181 ff.
  8. benesch/Brugger.31-45
  9. Benesch/Brugger.200 ff.
  10. Benesch/Brugger.162 ff.
  11. Benesch/Brugger.71
  12. Benesch/Brugger.101 ff.
  13. Bartsch/Scudiero.19
  14. Benesch/Brugger.188
  15. Benesch/Brugger.194/
  16. Benesch/Brugger.220 f.
  17. Tisdall/Bozzola:Futurism.179
  18. Bartsch/Scudiero.27
  19. Artikel von Antonio Gramsci in der Parteizeitung Ordine Nuovo vom 5.Januar 1921
  20. Christoph Kivelitz: Ogni mostra realizzata é una rivoluzione...Der zweite Futurismus und Propagandaaustellungen im italienischen Faschismus, in:Bartsch/Scuderio.145 ff.
  21. Gudrin Escher: "Aeropittura-Arte Sacra Futurista", in:Bartsch/Scudiero.47
  22. http://en.wikipedia.org/wiki/Futurism_%28art%29
  23. http://en.wikipedia.org/wiki/Futurism_%28art%29

[Bearbeiten] Siehe auch

[/Commons:Category:Futurism_%28art%29?uselang=de Commons: Futurismus] – Bilder, Videos und/oder Audiodateien
Wikisource: Futuristisches Manifest (it) – Quellentexte
Wikisource: Futurist Manifesto – Quellentexte (engl.)

[Bearbeiten] Weblinks

  • [1] Musik im Futurismus, vor allem Russlands
  • [2] Musik im Futurismus Italiens
  • [3] Marinettis Diskurs mit den Venezianern
  • [4] Futuristische Architektur -italienisch/englisch
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